Herzlich willkommen. Vereinigung der Sinti und Roma für Mensch und Rechte Köln e.V

    Veranstaltungsort:  Messegelände Deutz an der Gedenktafel (Messeturm), Köln-  16 Mai.                               Zwischen dem 16. und dem 21. Mai 1940 waren rd. 1000 Sinti und Roma in Köln zusammengetrieben und von Deutz aus in Viehwaggons in das von Deutschland besetzte Polen deportiert worden.

 

                                                                Bürgermeister Stadt Köln. Dr.Ralf Heinen und ich.

            Bundnis 90/Die Grünen. Links Herr Michhalak. Recht Frau Kessing. Ganz recht Frau Sarah Niknamtavin.

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine besondere Ehre, dass ich zu der heutigen Gedenkveranstaltung sprechen darf.
Wir gedenken am 16. Mai 1940 der Deportation der Sinti und Roma aus Köln. In ganz Deutschland haben zwischen März und Mai 1943 die Deportationen in die Konzentrationslager, insbesondere nach Auschwitz Birkenau begonnen.
Mein Urgroßvater, Ferdinand Klimt, geboren am 27.09.1899 in Hohndorf Sachsen wurde ebenfalls nach Auschwitz Birkenau deportiert. Er bekam die KZ-Nummer /-7034 und wurde am 20.04.1944 im Konzentrationslager ermordet.
Von acht Geschwistern ist nur eine einzige Überlebende geblieben, seine Schwester Irmgard Klimt. Sie entkam aus dem Konzentrationslager, sie war die Schwester meines Großvaters.

Viele meiner Verwandten sind in Auschwitz geblieben.
Ihre Asche wurde in den schwarzen See in Auschwitz-Birkenau geworfen, ein Grabmal haben sie nie erhalten.

Aus unserer Familie Schneeberger sind noch viele weitere Angehörigen dem Rassenwahn zum Opfer gefallen.
Noch immer forsche ich nach den Unterlagen unserer Verwandten.
Im Gedenkbuch der Sinti und Roma sind sie aufgelistet, aber es müssen noch Dokumente im Archiv zu finden sein, aus denen die Angehörigen unseres Familienverbandes Schneeberger ersichtlich sind.

Sehr verehrte Damen und Herren, ich verwundere mich immer wieder, wie über die Ermordung von 6 Millionen Juden, von mehr als einer halben Million Sinti und Roma, von über 200 Tausend Euthanasie-Opfern gesprochen wird.
Es scheint nur eine große Zahl zu sein. Wenn es aber die eigenen Angehörigen sind, die nur aufgrund ihrer Abstammung als Sinti oder Roma ermordet wurden, dann wird die Schwere und die Betroffenheit greifbar nahe.
Sie werden mir zustimmen, denn vermutlich haben Sie alle schon nahe Angehörige verloren. Unser historischer Hintergrund ist eine Geschichte voller Kummer, Leid, Tränen, Sorgen und Angst, die auch unserer Sinti und Roma im zweiten Weltkrieg widerfahren ist.

Diese Zeit bleibt kann auch nicht in der Zukunft ausgelöscht werden, sie ist ein Aufschrei an die Menschheit und erinnert an alle Menschen, die im Krieg der NS-Zeit gefallen und ermordet worden sind.

Oft frage ich mich, wie wir unseren nachfolgenden Generationen den Verlust unserer Familien erklären sollen.
Die Geschichte hinterlässt tiefe Spuren und hat auch uns als Nachkriegskinder schwer traumatisiert.

Ich erzähle den jungen Menschen dann auch von dem Aufstand der Sinti- und Roma in Auschwitz Birkenau, der auch am 16.5. 1944 entstanden ist.
Als damals der Beschluss gefallen ist, dass die beiden „Z -Baracken“ aufgelöst, das heißt die Menschen in die Krematorien verbracht werden sollen, haben sich die Sinti und Roma mit Garten- und Straßenwerkzeugen bewaffnet und Widerstand geleistet.

Aus Angst, dass dieser Aufstand das gesamte Lager in Aufruhr versetzen könnte, akzeptierte die SS den Vorschlag, dass die Kinder und Frauen verschont werden, wenn die Männer dafür an die französische Front gingen. Die SS hielt sich an die Vereinbarung. Dieser Aufstand rettete vielen Sinti und Roma das Leben. Aber der Krieg war für Sinti und Roma 1945 noch nicht zu Ende, die Diskriminierung unserer Minderheit setzt sich bis heute fort. Erst als Bundeskanzler Helmut Schmidt am 17. März 1982 den Völkermord an Sinti und Roma aus rassischen Gründen anerkannte, waren sie in der Lage, für ihre Rechte einzutreten.

Dennoch bestehen bis heute große Benachteiligungen in nahezu allen Lebensbereichen für Sinti und Roma. Deshalb habe ich bereits 2006 einen Verein gegründet, der hilft, unsere alten Menschen bei der Aufarbeitung des Genozides zu unterstützen, der den nachfolgenden Generationen Hilfe anbietet, den schweren Verlust vieler Familienangehöriger zu bearbeiten und die generationsüber-greifenden Traumata zu überwinden.

Mit der Vereinigung Sinti und Roma für Menschen und Recht Köln e.V. wollen wir unser Recht auf gleichberechtigte Teilhabe durchsetzen, wollen wir mit der Dominanzgesellschaft in einen Dialog der Aufklärung und Aufarbeitung des Völkermordes treten.

Wir wollen außerdem junge Menschen begleiten, sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen, sie zu starken Personen empowern, die ihre Identität als Angehörige der Sinti oder Roma nicht verleugnen, sondern mit Stolz ihre Abstammung offenlegen.

Zugang zu Bildung und Wohnraum sind wichtige Aufgabenbereiche, die wir immer wieder von der Gesellschaft verweigert bekommen.

Darum ist es mir auch ein besonderes Anliegen, dass die Sinti-Siedlung am Ginsterberg wiederaufgerichtet wird und die Stadt Köln dieses wichtige Anliegen ernst nimmt.

Ebenso wichtig ist es für uns, dass ein Denkmal für die deportierten Sinti aus Köln entsteht und ein Gedenktag eingerichtet wird, um der deportierten Sinti jedes Jahr zu gedenken.

Daneben hilft der Verein vielen Familien in sozialen Notlagen durch Begleitung von Behördengängen und durch Bemühungen, am Regelangebot sozialer Beratung angeschlossen zu werden.

Unser Verein ist dem Bundesvereinigung der Sinti und Roma Deutschland angeschlossen, Vereinigung von langjährigen, erfolgreichen und namhaften Sinti- und Roma-Organisationen in Deutschland, dessen Geschäftsführer Romeo Franz, Europaabgeordneter für Sinti und Roma ist.

Sehr geehrte Damen und Herren. Ich möchte meine Ausführungen mit folgenden Sätzen schließen.

Wer die Geschichte kennt, hat ein Bewusstsein für rassistische Strukturen. Die Geschichte darf nicht vergessen werden.
Die Schande, die sich Deutschland im Nationalsozialismus aufgebürdet hat müssen uns immer eine Mahnung sein, solche rechtsextremen Strukturen im Keim zu ersticken.
Unsere Toten sind ein ewig bestehendes Geschichtszeugnis für begangenes Unrecht und verwirklichte Unmenschlichkeit.
Wir alle sind aufgefordert, dieses Erinnerungszeugnis zu bewahren und für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Josef-Tino Schneeberger